Im ersten Teil dieses Interviews berichtete Ann Sophie davon, wie es ist, ihre Karriere neu aufbauen zu müssen, nachdem ihre Plattenfirma sie fallengelassen hatte. Und von dem Mut, den es dazu braucht.

TEIL ZWEI: DER SONG CONTEST UND „STAYING GOLD“

Wie sehr hat der Song Contest dir bei alledem geholfen?
Weißt du, das ist witzig. Mit vierzehn, fünfzehn habe ich angefangen zu singen, nur für mich selbst. Ich wollte berühmt werden, das war mein Antrieb. Gut, nicht der richtige Antrieb, aber damals war ich so und habe mich wahnsinnig ins Zeug gelegt, um das wahr zu machen. Ich schaute fern und stellte mir vor, wie ich selbst eines Tages in diesen Sendungen auftreten würde und vor einem Riesen-Publikum und wie die Radiosender meine Lieder spielten und bla-bla-bla. Und dann ist das alles einfach passiert. Also möchte ich allen sagen: Gebt eure Träume nie auf. Gut, der Eurovision Song Contest war großartig, solange er dauerte. Ich habe sehr viel Spaß gehabt und er kam zu einem Zeitpunkt, als ich keine Ahnung hatte, welche Richtung alles nehmen würde. Ich beschloss, mich für dieses Clubkonzert in Hamburg zu bewerben. Der Sieger durfte am deutschen Vorentscheid teilnehmen.

Für das Clubkonzert hast du dich mit deinem selbst geschriebenen Lied Get over yourself beworben. Aber beim Konzert selbst hast du schließlich Jump the gun gesungen, und später, beim deutschen Vorentscheid, auch Black smoke.
Die Produzenten hatten ihr eigenes System. Offenbar war Get over yourself zu alt. Sie gaben mir drei Lieder, aus denen ich auswählen konnte, und das waren Black Smoke, Jump the gun und noch ein anderer Song. Vielleicht waren meine eigenen Lieder nicht gut genug für den Song Contest. Ich halte Black Smoke nach wie vor für einen guten Song, auch wenn ich denke, dass er vielleicht nicht die beste Wahl war. Universal, die Plattenfirma, hat sich damals schon mit eingemischt. Sie haben einen Pool von Songwritern und auch einen Vorrat an Songs. Und alle, die etwas zu sagen hatten, meinten, diese Lieder würden zu mir passen, auch der Stil, und zu diesem Zeitpunkt war das auch so. So ist es gelaufen.

Aber dann ging deine Achterbahnfahrt weiter: Die Art und Weise, wie du für den Song Contest ausgewählt wurdest, ist einzigartig. Du warst unter den besten Zwei. Gewonnen hat dann dein Mitbewerber Andreas Kümmert – und der hat sich anschließend, live im Fernsehen, geweigert, zum Song Contest zu fahren.
Mann, was für ein Trip. Es war irrsinnig.

Wie überlebt man so etwas?
Das zu überleben war nicht so schwer.

Nicht?
Nein. Ich meine: Es wäre härter gewesen, wenn ich nicht nach Wien gedurft hätte.

Ja, aber deine erste Reaktion, nachdem du gehört hattest, dass Andreas dir das Feld überließ, war die, das Publikum zu fragen, ob sie dich wirklich dorthin haben wollten.
Natürlich! Sie hatten sich deutlich für Andreas entschieden. Er ist ein fantastischer Sänger, und ich stand da und hatte keine Ahnung, was ablief. Aber ich hatte faktisch keine Wahl. Und manchmal fördern derartige Situationen das Beste in einem zutage. Man muss einfach weitermachen. Für mich war es eine große Chance. Ich war so enttäuscht, nachdem Andreas gewonnen hatte, denn ich wollte wirklich sehr gern hinfahren. Und ich denke, er hat das gespürt.

In einer bestimmten Weise hast du ihm also geholfen, denn er war eindeutig nicht imstande zu fahren.
Weißt du, wenn du keinen Trubel magst oder dich nicht gern interviewen lässt, dann solltest du nicht zum Song Contest fahren. Denn das ist alles, was es ist: reden, reden, reden.

Tatsächlich?
Ich habe noch nie im Leben so viel geredet wie damals, und ich rede sehr viel. Ich meine, zum jetzigen Zeitpunkt meines Lebens werde ich immer stiller, und das gefällt mir. Aber beim Eurovision Song Contest war es bla-bla-bla. Ich bin mehr als dreitausend Leuten begegnet, es war wie ein andauernder Tsunami. Es war großartig und auch schmerzlich. Wie das ganze Leben.

Warst du zufrieden mit deinem Auftritt beim internationalen Finale?

Na ja, ich schaue es mir manchmal noch an und denke: Dies oder das hättest du besser machen können, aber das ist halt meine perfektionistische Seite. Jetzt würde ich es ganz anders bringen, weil ich gewachsen bin. Für damals war es ein guter Auftritt. Ich freue mich, dass es online ist, ich habe kein Problem, es mir anzuschauen, es ist immer eine schöne Erinnerung an diesen Moment damals und dort.

Nach dem Festival hast du ein Video mit einer akustischen Version von Black Smoke gemacht.
Die Leute haben mich immer gefragt: Wo bleibt das Musikvideo? Die Plattenfirma wollte keines machen, erst recht nicht nach dem Song Contest. Also habe ich selbst eins gemacht. Für die akustische Version habe ich mich an erster Stelle deshalb entschieden, weil zu meiner Interpretation von Black Smoke passt. Es ist ein sehr trauriges Lied. Und zweitens: Dieser Stil passt besser zu mir.

Die Song-Contest-Version ist etwas böse.
Ich zeige gern die verletzliche Seite, denn tough zu sein ist toll, aber verletzlich sein ist auch wirklich toll. Aber mit Black Smoke bin ich irgendwie fertig. Ich könnte es noch immer singen, aber ich will es nicht mehr. Ich kann alle Songs, die ich für Universal aufgenommen habe, reproduzieren, aber das will ich auch nicht mehr. Es war toll, dass das alles passiert ist, aber jetzt muss ich mir selbst treu sein.

Wie war die Song-Contest-Woche?
Ich wurde krank. Ich lag mit einem fürchterlichen Husten im Bett und hatte Fieber, es war sehr erschöpfend.

War das nicht zum Verzweifeln?
Es war ziemlich tough, ja.

Selbst ohne krank zu sein: Wie kann man einen guten Auftritt hinlegen, wenn man weiß, dass so viele Leute zuschauen? Warst du nicht unglaublich nervös?
Das Adrenalin gibt einem viel Kraft. Singen ist mit Adrenalin viel einfacher als ohne. Aber ich zitterte ohnehin, denn ich trug ganz hohe Absätze. Ich hatte Angst, meine Schuhe würden entzweibrechen. Aber ich habe versucht, die Angst loszulassen. Ich meine: Ich musste auf die Kameras achten, aber ich habe auch versucht, das Publikum zu spüren und in diesem Moment zu sein.

Kannst du dir das, was in diesen drei Minuten geschah, noch vor Augen holen?
Ja, ich erinnere mich an alles.

Wirklich? Und was siehst du dann? Die Kameras? Die Fahnen, die Menschen?
Bevor mein Song einsetzte, hatten wir ungefähr zehn Sekunden auf der Bühne, also habe ich mich umgeschaut und tief eingeatmet. Für mich als Sängerin war das ein großartiger Moment. Danach habe ich meinen Mädels zugezwinkert, und es fing an. Es war ein Glücksmoment. Alle im Publikum waren begeistert, alle lachten, alle waren gut gelaunt. Das erlebt man nicht auf der Straße, das erlebt man nirgendwo. Meistens sind alle eher gereizt. Das hier war ein Moment ohne Sorgen oder Gedanken, wir lebten einfach, wir atmeten, tanzten, lachten, sangen, waren.

Und zweihundert Millionen Menschen haben dir zugeschaut.
Man denkt nicht an die zweihundert Millionen Menschen zu Hause, man denkt an die fünfzehntausend Menschen im Saal. Man denkt nicht an das, was man nicht sieht.

War der Eurovision Song Contest eine Tradition in deiner Familie?
Nein, wir haben es uns nie angeschaut. Tut mir leid, ich bin einfach nie ein Eurovisionsfan gewesen.

Nach den null Punkten hast du sehr elegant reagiert. Und zwar mit einem Video, in dem du einen Satz aus dem Gewinnersong Heroes abändertest zu: „We are the zeroes of our time.“ Und in einem Interview für das deutsche Fernsehen warst du sehr ehrlich und offen.
Ja, aber während des Interviews war ich immer kurz vor dem Weinen. Ich musste meine Tränen zurückhalten.

Warum?
Weil ich verletzt war natürlich.

Aber woraus bestand diese Verletzung?
Es war demütigend und schmerzlich. Es war wirklich sehr schwer, es nicht persönlich aufzufassen, das war wirklich ganz, ganz schwer. Wenn man daran denkt, dass Deutschland eigentlich nicht mich schicken wollte und dass ich danach null Punkte bekam … Es fühlte sich wie ein Riesenmist an, und es wurde noch schmerzlicher wegen der Art, in der man mich hinterher hat fallenlassen.

Du meinst, deine Plattenfirma?
Ich hatte so viele Erwartungen, und die wurden alle zerschlagen. Von Leuten, die ich wirklich mochte. Das tat weh. Dann denkt man: Vielleicht sollte ich keine Sängerin sein. Ich begann an allem zu zweifeln. Aber das Leben fordert einen immer heraus und ich denke, es ist auf brutale Weise ehrlich zu einem. Also vielleicht wäre es nett gewesen, noch ein Musikvideo machen und überall spielen zu dürfen, aber das war nicht das, was wirklich zu mir passte. Also bin ich jetzt froh, dass es nicht passiert ist. Ich hätte mir das Image eines Pop Girls zulegen müssen. Jetzt kann ich mich hocharbeiten und erfahren, wie hart das ist. Ich will nicht, dass mir die Dinge immer angereicht werden. Ich will die Arbeit, den Schweiß und die Sorgen. Wäre man immer safe, wo bliebe da der Spaß?

Eine letzte Schreibfrage: Auf deinem Arm steht etwas geschrieben.
Ja. „Stay gold“. Das habe ich vor drei oder vier Jahren machen lassen. Ich glaube, dass wir mit einer Seele aus Gold geboren werden und dass wir jeden Tag wieder die Wahl haben, uns für dieses Gold, für Silber, Bronze oder was auch immer zu entscheiden.

Und, von Silber und Gold gesprochen: Hat der Song Contest Gold für dich verhindert?
Nein, ich denke lieber, er hat mir Gold gebracht. Er hat sich dafür nur einen verdammt schwierigen Weg überlegt.